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"AMPHITRYON" Mainfranken Theater Würzburg 2010/11

  Regie: Angelika Zacek

  Rolle: Amphitryon/Jupiter

 

 

 

(...)So ein zumindest teilweise improvisiertes Theater hat natürlich auch überraschende und starke Momente, zum Beispiel wenn Marcus Staab Poncet auf Zuruf Identitäten annimmt und quasi im Sekundentakt Beckenbauer, Marilyn Monroe oder Roland Kaiser mimt(...) Fränkische Nachrichten, 25.10.2010, Jürgen Strein

 

 

Verkleistert!
Das Ensemble des Mainfranken Theaters Würzburg zerlegte bei den Bayerischen Theatertagen wortwörtlich das Studio des E.T.A.-Hoffmann-Theaters.

Ästhetisch ist etwas anderes. Wer bei „Amphitryon" einen Abend aus der schönen antiken Sagenwelt, vertont von Heinrich von Kleist, erwartete, wurde wahlweise entweder enttäuscht oder abgestoßen. Was die Schauspieler hier auf die Bühne brachten, war doch eher eine etwas eigenwillige Interpretation von Kleists Werk.

Inhaltlich hielten sich die Würzburger Bewerber des Theaterpreises allerdings eng an die Originalvorlage: Der Krieger Amphitryon freut sich nach langer Abwesenheit auf einen ausufernden Empfang seiner Ehefrau. Alkmene ist allerdings ausgelaugt: Sie genoss die Rückkehr des Gatten bereits am Vorabend, und ist der Meinung, diese ausreichend gewürdigt zu haben. Nur dass es sich hierbei leider nicht um den wahren Ehepartner, sondern um den Gott Jupiter handelte, welcher sich in dessen Gestalt den irdischen Freuden hingab. Auch dem Diener Amphitryons, namentlich Sosias, wurde kurzerhand von göttlicher Seite die Identität geklaut, wofür sich seinerseits Merkur verantwortlich zeigte. Daraufhin erhob sich ein Verwirrspiel von Identitätsfindung und geistiger Gesundheit auf höchster Ebene.

Fehlenden Aktionismus kann man dem Ensemble jedenfalls nicht vorwerfen. Im Gegenteil: Das Vier-Personen-Stück glänzte mit so viel nackter Haut und emotionalen Ausbrüchen, dass man als Zuschauer nach einer Weile versucht war mehr an das Selbstinszenierungsstreben der Darsteller zu glauben als an erhoffte Denkanstöße in Richtung des Publikums.

Alle, die sich schon immer einmal mit ausgelebter Aggressionsbewältigung beschäftigen wollten, kamen hier voll auf ihre Kosten. Die Überwältigung des Dieners Sosias durch den Gott Merkur wurde äußerst glaubwürdig nachgestellt, was sich gut im Stück eingliedern ließ. Warum eben dieser Diener den Rest des Stückes mehr oder weniger nackt auf der Bühne herumhüpfen musste, ebenso wie die doch sehr ausgedehnten Wasserschlachten (welche als Zeichen der Orgasmen vielleicht passten, danach aber doch etwas ausgedient wirkten) war allerdings nicht mehr so ganz klar. Auch die minutenlangen Intensiv-Pornodarstellungen auf der Leinwand im Hintergrund schien mehr aus Provokationsgründen, als tatsächliches Stilelement in die Handlung aufgenommen worden zu sein. Die Kameraeffekte an sich waren allerdings ziemlich cool und haben das Stück gekonnt untermalt.

Alles in allem lässt sich sagen: extrem talentierte Schauspieler, wirkungsvolles Zertrümmern der Bühne, aber leider etwas zu mainstreammäßige und nicht gerade innovative Provokationsversuche.

(Kritik Bayerische Theatertage Juni 2011)

 

 

Fotos: Nico Manger