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Hamlet 2012

Theater Lübeck

Regie: Andreas Nathusius

Bühne: Annette Breuer

Fechtmeisterin: Frauke Franzke

 

Rollen: Laertes / Rosencrantz

 

mit: Astrid Färber, Ingrid Noemi Stein, Henning Sembritzki, Thomas Schreyer

       Robert Brandt, Sven Simon, Götz van Oyen

 

 

 

Fotos: Thorsten Wulff

http://thorstenwulff.com/



Groll, Gewalt, und jede Menge Krach: „Hamlet“ am Theater Lübeck

Lübeck – Im Programmheft zum „Hamlet“ findet sich ein gewitzter Text des polnischen Shakespeare- Exegeten Jan Kott (1914-2001).

Er empfiehlt Theaterleuten, aus dem Stoff ihr jeweils eigenes Stück zu schnitzen. Nicht allein zur Modernisierung: „Wichtig ist nur, dass man durch den Shakespearschen Text hindurch zu den Erfahrungen unserer Zeit findet, zu unseren Unruhen und unserer Empfindsamkeit.“

Regisseur Andreas Nathusius hat sich Mühe gegeben: hat den Anfang, an dem der Geist von Hamlets ermordetem Vater erscheint, weggelassen, stattdessen gibt es die Totengräberszene aus dem fünften Aufzug. Der dünne Kerl (Sven Simon) bereitet das Grab nicht nur für Hamlets Geliebte Ophelia, wie bei Shakespeare vorgesehen, sondern dem gesamten Personal des Dramas. Wer baut besser als der Maurer?, fragt die Gestalt; und antwortet sich selbst: der Galgenbauer, seine Gebäude überleben alle Mieter.

Ein düsteres Szenario hat Nathusius gemeinsam mit Bühnenbildnerin Annette Breuer entworfen. Zentrum ist ein reisiger Baum, abgestorben, versteinert. Da grünt nichts mehr. Hamlet, der Prinz, der in seine Heimatstadt Helsingør zurückgekehrt ist, um seinen Vater zu betrauern, welcher angeblich durch einen Schlangenbiss gestorben ist, sitzt längst im Publikum. Ein schöner Kunstgriff, denn so kann Schauspieler Henning Sembritzki von der Zuschauerrolle – er wohnte zuvor der Präsentation des neuen Königspaares bei: sein Onkel Claudius hat seine Mutter Gertrud geheiratet – ins Geschehen eingreifen, als Ironiker, den diese Verbindung anwidert.

Von Anfang an ist das Erregungsniveau dieses Sembritzki- Hamlets bis zum Anschlag aufgedreht. Er kann die angetroffene Welt nur schreiend ertragen. Wenn er den listig-überdrehten Irren spielt, der tropfnass einem Wasser entsteigt, mag das angehen. Doch der Ton eines Wahrheitssuchers ist das nicht.

Nathusius macht aus dem Dialog Hamlets mit dem Geist des verstorbenen Vaters – einer zentralen Szene – ein inneres Zwiegespräch des Sohnes, eine Vision. Eine intelligente Wendung. Doch läppisch wird sie, wenn der Vater-Part mit elektronisch verfremdeter Stimme hervorgebracht wird. Wie im schlechten Horrorcomic. Hamlet, der den geschwätzigen Polonius (Robert Brandt) wie ein Besessener mit der Schaufel erschlägt, dass das Blut spritzt, der überhaupt allenthalben der Raserei anheim fällt, ist in dieser Inszenierung keine Gestalt, die in unsere Zeit hereinragt. Er ist im Mittelalter verhaftet, er kennt nur Verrat, Ehre, Rache.

Und überhaupt: Sind das Menschen, die Nathusius auf die Bühnen stellt? Claudius (Thomas Schreyer), Gertrud (Astrid Färber) und Laertes (Marcus Staab Poncet) tragen ihre Rollen vor wie Behauptungen, sie reden nicht, sie verkünden: „Mehr Inhalt, weniger Kunst“ (Gertrud). Grob kommt das Stück auch deshalb über die Rampe, weil es ständig knistert und krächzt, rumpelt und donnert – eine gefühlsverstärkende Soundkulisse (Felix Huber) macht sich da bemerkbar.

Gelungen aber sind die burlesken Szenen mit Rosencrantz und Güldenstern (Marcus Staab Poncet, Götz von Ooyen), die als blonde Tennisbuben daherkommen; genial gar der Auftritt der Schauspieltruppe: Keine umherziehenden Komödianten geben das Claudius als Mörder entlarvende Spiel, sondern Polonius und Ophelia (schön und irre: Ingrid Noemi Stein), wie Marionetten von Hamlet und Horatio (van Ooyen) gelenkt.

Am Schluss sind alle schuldig und fast alle tot. Und man darf sich fragen, was hat all die Gewalt, dieser permanent hohe Groll-Pegel mit unseren spießigen Erfahrungen und den Umtrieben der Edlen unserer Zeit zu tun? Das Premierenpublikum hatte keine Einwände, der Beifall galt den Schauspielern.

Von Michael Berger