_________________________________________________________________

 

"TOTER TAG" Theater unterm Dach Berlin 2010/11

  nach Motiven von "Der Tod und das Mädchen", Matthias Claudius

  Regie: Susanne Truckenbrodt

  Text: Detlef Schulze





  Rolle: Der Tod

 



  mit: Nicole Janze, Sabine Grabis, Antje Görner,

          Uwe Schmieder, Joachim Kühne

         

 

 

Ströme der Trauer

Bilder voller Wehmut zeigt das Theater unterm Dach mit "Toter Tag"

 

von Anouk Meyer


"Ich bin einfach nur ...müde", spricht die junge Frau, bevor das Licht erlöscht-das Scheinwerferlicht und symbolisch ihr Lebenslicht. Endlose Sekunden dauert es, bis starker Applaus einsetzt, und danach stehen die Premierengäste erst einmal stumm auf dem Balkon vom Theater unterm Dach, mit Zigaretten oder ohne. Es dauert, bis man den Kloß im Hals hinuntergeschluckt hat: So tief ans Wesen der Dinge rührend, so unendlich traurig und gleichzeitig melancholisch-schön ist Susanne Truckenbrodts neue Inszenierung "Toter Tag" um den Selbstmord eines jungen Mädchens.

 

In poetischen Bildern, getragen von hypnotischem E-Gitarrenblues (Musik: Markus Götze), überträgt die Regisseurin Motive aus Matthias Claudius` Gedicht "Der Tod und das Mädchen" in die heutige Zeit. "1000 Schuhe-Todesvariationen" sollte das Stück ursprünglich heißen, und angesichts der krassen Spielchen, die der schick gekleidete Tod mit der kindlich-kichernden und durchaus zugänglichen Heranwachsenden treibt, hätte auch dieser Titel gepasst.(...)


In einzelnen Szenen, in der Zeit vor- und zurückspringend, erzählt "Toter Tag" von Sehnsucht, Angst, der Unfassbarkeit des Todes und Strömen der Trauer, die durch das Leben fließen, von Überdruss und Müdigkeit. Wenige Sätze werden von den sechs Schauspielern immer wieder variiert, doch klingen sie völlig anders, je nachdem, wer sie zu wem sagt.(...)


"Installative Wort-Tanz-Performance" nennt sich die Inszenierung in der Ankündigung. Tatsächlich findet die ehemalige Chefin des Orphtheaters starke, wuchtige Bilder für die Annäherung an das Unfassbare: Dialoge gehen unter in dröhnenden E-Gitarren-Klängen, aus einer zärtlichen Umarmung wird ein albtraumartiger Zeitlupen-Ringkampf auf der von Pascale Arndtz karg ausgestatteten Bühne. Irgendwann hat sich vor die zwei Fenster und die weiße Tapete mit dem verblassten Familienfoto eine massive schwarze Wand geschoben.(...)


Selbst der Tod (Marcus Staab Poncet), eher Sehnsuchtsobjekt der Enttäuschten als Verführer, wirkt seltsam müde, eher zärtlich als brutal. Lebendig erstrahlt allein Nicole Janze, deren Flirt mit dem Tod intensiver ist als alles sonst; wunderschön die Szene, in der der Tod ihr mit Händen und Füßen eine Brücke baut, über die sie balanciert-und dann doch noch einmal wegläuft, bevor sie endgültig kommt. Oder geht, je nach Perspektive.(...)


Ja, auch solche Momente der Heiterkeit hält das Stück bereit, zum Beispiel wenn Poncet seine Rolle als Tod reflektiert-und was ihm dazu alles einfiel. So kann, so sollte Theater sein!


Neues Deutschland

14.01.2011

 

 

 Fotos Copyright Marcus Lieberenz    www.bildbuehne.de